Foto: Pressefoto |
Der Tourbus der Klaxons wirkt riesig.
Ich betrete ihn über die mittlere Türe und stehe sofort in einem, von der
Grundfarbe rot dominierten, "living
room", der zur linken Hand mit zwei Fernsehern und einem großen, mit
Astra-Pils gefüllten, Kühlschrank bestückt ist. Hiermit ist schon einmal die
erste "Ente" der englischen Presse entlarvt, die behauptete, dass die Klaxons in
ihrem Tourbus keine Fernseher, dafür aber reihenweise Bücher hätten. Rechts
hinauf führt eine Treppe, die ich nur erahnen kann, da, Simon, Gitarrist der
Klaxons, und ich auf einer hufeisenförmigen, bordeauxroten Ledercouch Platz
nehmen.
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Simon wirkt aufgeräumt, gesprächig und sehr symphatisch. Der Tourbus
gleicht einem Taubenschlag, ständig geht die Tür auf und merkwürdige Gestalten
betreten den Bus. Einige Fotografen, James von den Klaxons, aber auch eine
Handvoll Roadies lassen sich von Zeit zu Zeit blicken. Nach kurzem Smalltalk
gehe ich zur ersten Frage hinüber, die sich mit dem Aufbruch der Band nach
Übersee befasst.
Heute Abend spielt ihr Euren letzten Gig in Europa, bevor ihr in zwei Wochen für eine Weile nach
Nordamerika aufbrecht. Wie wichtig ist Euch der Erfolg in Amerika und wie
erwartet ihr die Aufnahme Eurer Musik dort?
Simon: Ehrlich gesagt haben wir
keine Lust nach Amerika zu fliegen. Wir würden viel lieber in Europa bleiben.
Wir wurden in den USA durchgehend schlecht rezensiert und die Amerikaner
scheinen britische Bands sowieso schon von Natur aus mit Vorsicht zu genießen.
Europa ist unsere Heimat, Erfolg ist uns hier wichtig, jedoch nicht in Amerika.
Wir lieben Deutschland.
Ich bin zum ersten Mal mit 14 Jahren in Deutschland
gewesen, damals unternahmen wir eine Klassenfahrt nach Berlin. Seitdem habe ich
Berlin schon fünf- bis sechsmal besucht und ich bin immer wieder fasziniert über
die Komplexität der Stadt.
Das Feiern dort ist super und unsere besten Gigs
spielen wir in Deutschland. Gestern in Hamburg zum Beispiel, kannst du dir
vorstellen, dass wir nach zwei Liedern schon 30 Leute auf der Bühne stehen
hatten?! Es ist einfach fantastisch hier.
Wir kommen immer gerne wieder und
Deutschland ist keinesfalls mit England zu vergleichen. In England gehen die
Leute nicht so aus sich heraus wie hier in Deutschland.
Ich hab euch im November schon mal in
Köln gesehen, damals im Gebäude 9, da war die Stimmung, sagen wir mal, eher
verhalten. Ist die Stimmung in den deutschen Städten unterschiedlich?
Simon: Nein, also ich finde, dass es clubabhängig ist. Die Leute im
Gebäude 9 waren sehr ruhig damals, da hast du recht, aber als wir im November in
Berlin gespielt haben, im Magnet, da sind die Leute ausgerastet.
Dieses Mal war
die Stimmung in Berlin (im Lido, Anm. der
Redaktion) nicht so gut, die Leute waren still. Das hat mich ein wenig
verwirrt, bestärkt aber meine Vermutung dass es clubabhängig ist.
Gehen wir mal zum Thema Internet über.
Glaubst Du, dass das Internet, besonders MySpace, das Euch den Weg zu eurem
Erfolg geebnet hat, auch eine Gefahr für Euch darstellt? Ich meine damit, dass
ihr so schnell wie ihr hochgeflogen seid auch wieder abstürzen
könnt.
Simon: Wir werden abstürzen, so viel steht fest. So ist das im Musikgeschäft.
Alles andere zu glauben wäre vermessen. Natürlich hatten wir recht schnell
Erfolg und wir wollen versuchen diesen auch so lange wie möglich
aufrechtzuerhalten, aber konstant erfolgreich zu sein, das funktioniert nicht.
Um mal aufs Internet zu sprechen zu kommen. Die Idee des Internets wird von
einigen Leuten pervertiert. Ich brauche nur in mein Postfach oder in unser
Profil zu schauen und ich sehe massig Spam. Das ist leider die Kehrseite der
Medaille. Das Internet ist eine super Plattform, aber es wird, wie gesagt, von
zu vielen Leuten für ihre Zwecke
missbraucht. Das ist sehr schade und auch ein Grund dafür, warum ich meine Zeit
im Internet einschränke.
Ihr habt auch "Atlantis To Interzone"
kostenlos zum Download angeboten. "It went off like a bomb" (Simon spuckt sein
Bier aus vor Lachen). Glaubst Du, dass kostenfreie Mp3-Downloads eine Band noch
erfolgreicher machen können?
Also damals blieb uns nichts anderes übrig. Wir hatten einen Proberaum, der war
klein wie eine Sardinendose, dort haben wir unsere Zeit verbracht und an Songs
gefeilt. Damals sind wir auch auf MySpace gestoßen und wir haben unsere Lieder
dort hochgeladen. Wir hatten kein Geld und warum sollen wir von Leuten, die
selbst kein Geld haben, welches verlangen?!
Wir waren ja schon einmal in New
York und haben dort festgestellt, dass selbst die kleinsten New Yorker Bands
ihre Musik nicht kostenfrei herausgeben wollen. Warum nicht? Ich kann sowas
absolut nicht nachvollziehen. Man hat keinen Plattenvertrag, ist völlig
unbekannt, aber gibt seine Lieder nur gegen Geld heraus. Was für'n Schwachsinn!
Heute sieht die Sache natürlich etwas anders aus. Wir haben nen
Major-Label-Vertrag und das Label - und wir natürlich auch - wollen Geld
verdienen.
Aber meinst Du, dass Ihr auf Eurem
nächsten Album, auf das ich gleich noch zu sprechen kommen will, einen Song
kostenlos rausgeben dürftet oder meinst du das Polydor (die Plattenfirma, Anm.
der Redaktion) etwas dagegen hätte?
Simon: Schwer zu sagen. Ich kann die Leute da nicht wirklich einschätzen.
Eure Musik kann ja schon als Gegensatz
zur derzeitigen politischen Lage gesehen werden. Fast jeder redet über
Nuklearwaffen, Schurkenstaaten, Klimawandel etc. etc., aber das Comeback des
konstant grinsenden "Acid-House"-Smiley und die Fröhlichkeit Eurer Musik wirkt
dagegen sehr konträr. Glaubst Du, dass Eure Musik genauso erfolgreich wäre, wenn
wir in einer "besseren Zeit" leben würden?
Simon: Erst einmal vorab, das ist ein "big
statement" (lacht). Wir haben
sowas ähnliches schon mal gesagt, nämlich dass unsere Musik dafür bestimmt ist
die Leute zum Tanzen zu bringen und ihren Alltag hinter sich zu lassen.
Besonders jetzt haben die meisten Menschen keine Lust sich mit Politik auch noch
am Wochenende, geschweige denn im Club, auseinanderzusetzen. Wir kennen das
Problem selbst.
Wir haben in einer völlig heruntergekommenen Wohnung gehaust, in
einem ganz üblen Viertel in Südwest-London. Jedenfalls waren wir so arm, dass
wir unser Essen quasi stehlen mussten. Wir haben uns in dieser Zeit sehr viel
mit Menschen unterhalten, an Bushaltestellen besonders.
Es ist schon krass was
Armut bedeutet. Besonders jetzt, wo wir erfolgreich sind, beschäftigt uns das
umso mehr. Für uns persönlich war es auch wichtig, dass wir der Realität
entfliehen konnten. Du brauchst keine traurige Musik, wenn es dir ohnehin schon
schlecht geht.
Mal
ein ganz anderes Thema. Lyrik. Ihr habt in Euren Songs Referenzen zu Thomas
Pynchon, Aleister Crowley, J.G. Ballard und William S. Burroughs. Wollt ihr die
Leute, aber besonders die Jugendlichen, zum Lesen animieren?
Simon: Wir wollen keine Lehrerrolle übernehmen und schon gar
nicht belehrend sein. Wir haben uns zu der Zeit mit diesen Büchern
beschäftigt, darüber ist ja auch schon geschrieben worden, aber dass wir die
Leute dadurch belehren wollen oder ähnliches, trifft nicht zu.
Nun ja, als wir
über die Songtexte unserer Lieder nachgedacht haben sind wir auf den Gedanken
gekommen dort Zitate einzustreuen. Wir kamen auf die Idee diese düsteren,
depressiven Themen in Popsongs zu packen.
Ich muss sagen, einige Sachen
klingen einfach nur gut und deswegen haben wir sie übernommen, das hatte aber
jetzt keinen weitreichenden literarischen Hintergrund.
Klar, gut klingen tut es, nur das Verstehen fällt mir schwer.
Simon: Vieles ergibt einfach keinen Sinn, ja, ist aber nicht
schlimm. (lacht)
Christian: In einem anderen
Interview hat Jamie...
Simon: (lacht) Was hat Jamie schon wieder gesagt...?!
... gesagt, dass ihr den Begriff "New Rave" geprägt
habt, aber dass ihr auch recht schnell wieder dieses "Nest" verlassen habt. Im
Moment wollen junge Bands in diese "New Rave"-Schublade gesteckt werden und
mit diesem Schild beheftet werden. Macht Euch das stolz oder sagt ihr: "Hey
Leute, macht uns nicht nach, sondern macht lieber Euer eigenes Ding".
Simon: Wollen echt so viele Leute in diese New Rave-Schublade
rein? Wir waren jetzt lange Zeit nicht in England und haben da den Überblick
verloren, befürchte ich.
Ja, es gibt einige Bands,
die sich "New Rave" auf die Fahnen geschrieben haben.
Simon: Ach, du meinst bestimmt "Trash Fashion", oder?
Ja, genau, zum
Beispiel die.
Simon: It's A Rave
Dave.
It's a fockin Rave
Dave. So where is this place, anyway? Oh, it's in a secret location...
Simon: Die sind irre
(lacht). Einer von denen stand mal bei
mir in der Wohnung. Ich wusste nicht, wer er ist und war völlig verwirrt. Den
Abend über haben wir dann gesoffen. Jetzt kenn ich ihn.
Klingt gut. Wie siehts
eigentlich mit Shitdisco aus, mit denen wart ihr doch auf dieser "NME New
Rave-Tour"?
Simon: Shitdisco sind
weirdos! Super nette Leute, mit denen
wir eine Menge Spaß hatten. Ich bin während dieser Tour um mindestens fünf
Jahre gealtert, ich fühl mich jetzt wie 30, nein, 40! Aber, wir sind
abgeschweift, wir wollten ja über die Leute reden, diese "New Raver".
Nun gut,
wir waren in Stockholm und die Leute waren echt total krass gekleidet.
Richtige Rave-Uniformen und wir haben uns dann gedacht:
Blimey, das haben wir ausgerichtet, das
ist schon ein gutes Gefühl.
In Euren Musikvideos wendet Ihr Euch aber immer mehr von fluoreszierenden Farben
usw. ab. Von diesem "low-budget" und in grellen Neonfarben gefilmten "Gravity's
Rainbow" und "Atlantis To Interzone"-Videos hin zu dem Jackson 5-beeinflussten
"Golden Skans", das die Farben dann doch eher etwas diskreter darstellt, ist
schon ein auffallender Wandel zu erkennen. Besonders interessant fand ich, dass
ihr diese "massive glowsticks" am Ende des Videos zerschlagt. Ist das das Ende
der Neonfarben und 8-Bit-Anspielungen in eurem künstlerischen
Ausdruck?
Simon: Das mit den Glowsticks is mir gar nicht aufgefallen.
Aber du hast recht, diese "neon bulbs"
die wir da zertrümmern, können schon eine gewisse Symbolik haben. Es
ist ja auch alles eine Geldfrage.
Wir haben Saam
(Farahmand, Regisseur, Anm.
der Redaktion) versprochen, dass wir ein
"one million dollar budget"-Video
drehen, wenn wir eine große Band sind. Mit tausenden Babys anstelle der vier
und Spezialeffekten usw.
Als uns Saam sagte, dass wir mit freiem Oberkörper dieses Video
drehen sollen, haben wir erst mal zwei Wochen lang nichts gegessen
(lacht). Aber wir sind sehr zufrieden
mit dem Ergebnis. Besonders diese Farbbänder haben es mir angetan.
Ich hab mir mal Euer neues "Gravity's Rainbow"-Video
angeschaut. Es wirkt äußerst apokalyptisch auf mich.
Simon: Aber es gibt immer noch
Anspielungen auf unser altes Video...
..Ja, zum Beispiel der Fernseher mit dem Testbild am
Anfang...
Simon: ...Ja, genau. Das war uns wichtig, wir wollten nicht
ganz den Bezug zum alten Video verlieren.
Wie siehts eigentlich mit neuen Sachen bei Euch aus?
Ich hab gelesen, dass das nächste Album eine R'n'B-Platte werden soll?!
Simon: Ja, das stimmt. Wir wollen R'n'B und Prog vereinen. Wir
wollen mit Dr. Dre zusammenarbeiten, aber wir wissen noch nicht, ob es klappen
wird. Es ist immer so eine Sache mit dem zweiten Album. So viele Bands sind
daran gescheitet. Wir machen keine Jam-Sessions oder ähnliches, wir haben bis
jetzt nur die Songs, die auf unserer Platte sind und dann noch die paar
B-Seiten.
Und wann soll das
Album erscheinen?
Simon: Februar nächstes Jahr.
Schon? Ihr seid aber ganz
schön flott.
Simon: Ja, nach dem Touren wollen wir Lieder
schreiben. Bis Herbst möchten wir damit fertig sein und im Oktober wollen wir
ins Studio gehen.
Zum Schluss hab ich
noch zwei ganz kurze Fragen. Welcher Remix Eurer Songs gefällt Euch oder Dir
am besten und warum?
Simon: Die Remixe von Crystal Castles und Metronomy
(Atlantis To
Interzone-Remixe, Anm. der
Redaktion). Beide Bands haben einen eigenen Song daraus gemacht. Wenn
man Fan von Crystal Castles oder Metronomy ist, dann wird man die Remixe
lieben.
Der
Crystal-Castles-Remix ist wirklich der Hammer! Welchen berühmten Künstler
würdet ihr denn engagieren wollen, damit er mal einen Eurer Songs
remixed?
Simon: Brian Eno! Wir haben ihm auch eine E-Mail geschrieben,
aber er hat nicht geantwortet. Leider.
Wie schade.
Simon: Ja, da wird wohl nichts draus. Ich bedauere das auch
sehr.
http://www.klaxons.net/
http://www.myspace.com/klaxons
(Christian
Strugala)
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